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Harry, als Autor von „Schlunz“ bist du nun weit über die Grenzen des Oberbergischen bekannt geworden. Mittlerweile gibt es sechs Bände und der siebte ist bereits in Arbeit. Im Frühjahr 2010 kommt er heraus. Insgesamt über 60.000 Bücher sind bisher verkauft worden. Unzählige Kinder (und auch Erwachsene) sind zu begeisterten Schlunz-Lesern geworden.
Hättest du damals, als alles mit dem ersten Band begann, gedacht, dass das solche Ausmaße annehmen würde?
Nein, im ganzen Leben nicht. Das hätte keiner gedacht, der an der Produktion beteiligt war. Wir fanden alle, dass es eine ganz nette Geschichte ist und dass die sicher auch ganz gut ankommt, aber dass die so einschlägt, hätte niemand gedacht.
Wie kam es überhaupt zu der Idee „Schlunz“? Da kamen ein paar ganz glückliche Fügungen zusammen. Ich war ja damals noch für die Bibellese-Zeitschrift „Guter Start“ verantwortlich, und ich wollte nach zehn Jahren „Guter Start“ gern mal was anderes ausprobieren. Gleichzeitig gab es beim Bibellesebund Überlegungen, mal mit dem Brockhaus-Verlag (in Witten) eine Bücher-Serie für Kinder herauszubringen. Und „zufällig“ saß ich in dieser Sitzung, bei der das besprochen wurde, mit dabei. Und noch mal „zufällig“ hatte ich gerade nach dieser Sitzung ein paar Tage Zeit und war nicht so eng mit anderen Terminen. Der Chef vom Brockhaus-Verlag sagte: „Das wäre mal eine gute Idee, und ich wüsste auch schon ein paar Leute, die man mal fragen könnte.“ Da dachte ich: Jetzt oder nie! Und hab mich sofort an den Schlunz gesetzt und hab in wildem Eifer das Manuskript für das erste Buch runter geschrieben. Als die Leute vom Brockhaus-Verlag das nächste Mal kamen, sagte ich gleich: „Ich hätte da schon mal einen Vorschlag.“ Und die Verantwortlichen sagten sofort: „Das ist super, das machen wir.“ Und so kam das alles ins Rollen.
Welche Visionen hattest du bei der Entstehung? Ich dachte, es wäre doch mal lustig, wenn in so ein kleines, idyllisches frommes Nest so ein freches außerirdisches Wesen reinkäme, das die ganze christliche Szene überhaupt nicht kennt. Irgend so ein Sams oder ein Alf oder was anderes, das da überhaupt nicht reinpasst. Dann wären alle aus der christlichen Familie und dem Umfeld gezwungen, ihren Glauben so zu erklären, dass dieses Wesen das alles kapiert. Und das Wesen könnte gleichzeitig auf alles hinweisen, was unlogisch ist oder was eben nur „fromme Fassade“ ist. Und dann wäre es doch witzig, wenn diese Figur auch ein bisschen anarchistisch ist wie Michel oder Pipi Langstrumpf und die Erwachsenen mit seinen Ideen oder Streichen ein bisschen auf die Palme oder zumindest in groteske Situationen bringt. Eine schlaksige Frau vom Jugendamt, die von Kindern in ein offenes Fenster geschoben wird und dabei völlig würdelos mit den Beinen rudert – das hat mir schon in der bloßen Vorstellung gefallen. Na ja, und weil es eben kein Märchen und kein Science Fiction sein sollte, hab ich mir den Schlunz überlegt, der einfach sein Gedächtnis verloren hat und deshalb genauso identitätslos ist wie ein Sams oder eine Pipi Langstrumpf.
Wusstest du von Anfang an, wie viele Bände es geben soll und wie alles endet, oder hat sich das von Band zu Band „entwickelt“? Zuerst hab ich mir überlegt, wie viele christliche Themen ich gern von Band zu Band verbraten möchte. Da bin ich auf zehn Bände gekommen. Dann dachte ich, na ja, wenn Band 1 überhaupt nicht gut ankommt, kann ich die Auflösung ja auch schon in Band zwei bringen, dann ist es eben ein Zweiteiler. Im Laufe der Bände hab ich mich aber ein bisschen sehr vergaloppiert, so dass ich dachte: Mensch, wenn der Schlunz jetzt andauernd in Lebensgefahr schwebt (wie in Band 3), dann kannst du das keine zehn Bände durchziehen. Dann hab ich mich auf acht reduziert. Und dann bekam ich andauernd Briefe und Mails nach dem Motto: „Wann kommt endlich, endlich die Auflösung?“ Da wollte ich die Kinder nicht so lange hinhalten und hab mich auf sieben geeinigt. Sieben ist ja auch eine schöne heilige Zahl, die sich ja auch bei anderen Buchserien bewährt hat.
Hast du vom ersten Buch an schon gewusst, woher der Schlunz kommt und wie sich die Geschichte auflöst? Ja. Anders wäre es ja gar nicht gegangen. Alle Hinweise, die ich im Laufe der Bücher streue, müssen sich am Ende ja wirklich logisch zusammenfügen. Von daher war das von vornherein klar. Die Leser raten schon immer, was denn die Auflösung sein könnte, aber bis jetzt war noch nicht das Richtige dabei.
Sprudeln bei dir nur so die Ideen oder hast du auch schon mal einen „Schaffenstiefpunkt“? Meistens sprudeln mir die Ideen. Wenn ich erst mal so den Anfang überwunden habe, dann läuft es ganz gut und dann komme ich auch schnell durch. Aber es gibt immer wieder Phasen, wo ich mich total aufraffen muss. Im Moment ist gerade so eine Phase. Ich sitze gerade an Band 7, dem absoluten Abschluss, dem Show-Down sozusagen. Und da merk ich schon, dass ich an mich selber so einen überhöhten Anspruch gestellt habe, alles zu einem wirklich guten und glaubwürdigen und spannenden und lustigen und ultimativen Abschluss zu bringen, dass mich das schon runterzieht, während ich noch am Anfang des Schreibens bin ...
... und was machst du dann? Immer abwechselnd: verzweifeln und aufraffen und wieder verzweifeln und wieder aufraffen. Leider lass ich mich in so einem Tiefpunkt gern von tausend anderen Sachen ablenken, da kann ich auch schon mal plötzlich das Wohnzimmer aufräumen und die CDs von einem Regal ins andere räumen, das ist ganz furchtbar. Diesmal ist es besonders schlimm, weil es auch um das Thema Leiden, Sterben und Auferstehung von Jesus geht. Und da hab ich das Gefühl, das nimmt mich total mit. Denn bis ich endlich zu der Freude der Auferstehung komme, gehe ich selbst durch das Tal von tausend Leiden. Und plötzlich leiden auch alle meine Figuren im Buch und jeder hat was Schlimmes erlebt und jeder ist traurig und deprimiert – das zieht mich selbst auch total runter. Also, da muss ich unbedingt noch dran arbeiten, damit das nachher nicht so ganz, ganz schwer daher kommt.
Entstehen die Ideen aus deiner Phantasie oder entstammen sie aus deiner praktischen Arbeit und deinen persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen mit Kindern? Beides. Die skurrilen Situationen in der Gemeinde der Familie Schmidtsteiner findet man ja in vielen Gemeinden. Ich komm ja durch meinen Beruf in viele Gemeinden und sehe, dass alle mehr oder weniger mit denselben Problemen zu kämpfen haben. Ich selbst war als Kind eher vorsichtig und zurückhaltend wie meine Hauptfigur Lukas (obwohl mir die Leute das heute meistens nicht mehr glauben). Von daher kann ich mich in die Gedankengänge von Lukas am besten reinversetzen. Na ja, und die Typen, die so beschrieben sind, die gibt es ja in jedem Leben, würde ich mal sagen. Bei mir kommen nur wenige Personen vor, die es auch im „wirklichen Leben“ gibt – eine Ausnahme ist übrigens der nette Polizist aus Band 6: Stefan Medeweiher!
Neben den Büchern kommt der „Schlunz“ nun auch noch in anderer Form in die Familien und Gemeinden. Was ist da schon alles verwirklicht worden? Was ist in Planung? Worauf dürfen sich deine kleinen und großen Leser freuen? Also, die zwei ersten Schlunzbände gibt es ja schon als Hörspiel, Band 3 und 4 sind bereits im Studio aufgenommen worden und sollen nächstes Jahr erscheinen, Band 5 und 6 nehmen wir im Januar auf. Zu Weihnachten ist eine extra Schlunz-CD zu Verschenkepreisen erschienen: „Der Schlunz – Vorsicht bei der Ankunft“. Eine ähnliche CD, die eben auch preisgünstig zu haben ist, soll es auch nächstes Jahr zu Ostern und zu Halloween geben. Dann gibt es auf der Internetseite www.derschlunz.de zu jedem Schlunzbuch Stundenentwürfe für Kindergruppen kostenlos zum Downloaden, damit man die Fragen, die der Schlunz aufwirft, auch mit den Kindern gemeinsam besprechen kann. Seit einem dreiviertel Jahr ist in jeder Kläx-Zeitschrift (Kinderzeitschrift vom Bundes-Verlag) ein dreiseitiger Schlunzcomic zu sehen. Ja, und seit einiger Zeit hält sich hartnäckig das Gerücht um eine Schlunz-Fernsehserie für ERF-TV, da sind auch schon Gespräche gelaufen und erste Drehbuch-Entwürfe geschrieben, aber so lange das nötige Geld nicht zusammengetragen ist, bleibt das ein schöner Traum. So eine Filmproduktion ist unglaublich teuer.
Ist nach dem „Schlunz“ ein neues Projekt in Sicht? Hast du Visionen? Erst mal bin ich froh, wenn im April der große Brocken an Schlunz-Produkten überstanden ist. Ich glaub, dann nehm ich erst mal Urlaub. Ideen, was man noch alles für Kinder tun könnte, um sie auf die Bibel aufmerksam zu machen, hab ich viele. Irgendwas mit Theater wär toll, mit Fernsehen, mit Zaubern, mit Handpuppen ... Aber da muss ich erst mal mit meinen Kollegen vom Bibellesebund reden, was davon wirklich dran ist. Der Brockhaus-Verlag hätte ja am liebsten, dass ich sofort die nächste Kinderbuchreihe starte. Aber das lass ich erst mal ganz bewusst offen, sonst ist mir der Erwartungsdruck zu hoch. Eigentlich möchte ich ja viel mehr mit den Kindern direkt und live arbeiten und nicht nur am Schreibtisch für sie etwas schreiben.
Vielen Dank für das nette Gespräch
Petra Kurpat
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