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Buchbesrpechung: Vatertage
Als wir in diesem Sommer nach erholsamen Tagen unsere Ferienwohnung ausräumten, kamen wir mit unserer Vermieterin ins Gespräch. Natürlich ging es um das Wetter der zurückliegenden Tage und um die Schönheit der Region. Aber dann erzählte sie auch davon, was es bedeutet in so einer Idylle mit ausschließlich ländlicher Prägung aufzuwachsen.
Sie erzählte von ihren Kindern, die aus beruflichen Gründen mittlerweile weit entfernt wohnen, von ihrer eigenen Kindheit und Jugend und von ihrem Vater, der als Flüchtling in diesen Ort kam. Davon, wie sehr seine Erlebnisse vor und während der Flucht das eigene Leben – aber auch später auch das Leben seiner Kinder – beeinflusst haben. Ein paar Wochen zuvor hatte ich genau zu diesem Thema das Buch „Vatertage“ von Katja Thimm gelesen...
Irgendwann hatte Katja Thimm (*1969) erkannt, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb, mehr über die Vergangenheit ihres Vaters (*1931) zu erfahren. Sie hat das geschafft, das vielen ihrer Generation nicht möglich war: sie hat ihren Vater zum Reden gebracht. In vielen Gesprächen zwischen den Jahren 2004 und 2009 hat er ihr von seiner Kindheit in Masuren (Ostpreußen, heute Polen), von seiner Flucht über das zugefrorene Haff nach Eberswalde zum Haus der Großeltern, von seinen Erlebnissen als Jugendlicher in Ostdeutschland, von einer wechselhaften Zeit in Berlin und von seiner langjährigen Haftstrafe in der damaligen DDR erzählt.
Verbunden hat Katja Thimm die Biografie ihres Vaters mit ihrer eigenen und wechselt sinnvoll zwischen den beiden Zeitebenen. Vieles kommt dem Leser bestimmt bekannt vor und erinnert ihn an die eigene Jugend. Ein wenig Schule, ein bisschen Studium, ganz viel Persönliches und Familiäres. Deutlich wird vor allem, wie sich ihre Einstellung zu den Eigenarten und Gewohnheiten des Vaters ändert, je mehr sie über seine Vergangenheit erfährt. Während sie als Kind, Jugendliche und vor allem als Studentin keine Erklärung für seine Schweigsamkeit, seinen übertriebenen Anspruch, seine spontane Verärgerung und seine ungewöhnlichen Handlungen fand, so wird ihr später klar, dass dies nicht in seinem schwierigen Charakter sondern im Wesentlichen in seinen Erfahrungen als Kriegskind und als Flüchtling begründet ist.
Eingeflochten in diesen autobiografischen Teil hat die Redakteurin des „Spiegel“ ein kleines Stück real-existierende BRD-Politik, das nicht immer ganz frei von parteipolitischer Einfärbung ist. Weil ihr Vater – nach all den Umwegen und Schwierigkeiten – ein leitender Beamter in einem Bonner Bundesministerium war, macht diese Einflechtung auch Sinn. Das besagte Ministerium kümmerte sich in wechselnder Zusammensetzung um die Gesundheit der Bundesbürger, um Familien, Frauen und um Jugendliche – und es ist stellenweise wirklich unterhaltsam, welche Erfahrungen Horst Thimm im Laufe der Jahre mit den diversen Ministern und ihren politischen Versuchen macht.
Aber es gibt noch eine dritte Zeitebene und auch diese wird logisch und für den Leser nachvollziehbar mit den anderen beiden Zeitebenen verknüpft. Das Buch beginnt mit der Schilderung darüber, wie Horst Thimm aus seiner Bonner Wohnung in ein Seniorenheim umzieht und macht damit diese Zeitebene – das Altern des Vaters – zur Rahmenhandlung des gesamten Buches. Später wird Katja Thimm berichten, was dazu führte, dass dieser Umzug notwendig wurde, wie sehr ihr Vater sich gewehrt hat und wie schwer es für Kinder ist, den richtigen Zeitpunkt zu finden, ab dem sie mehr Verantwortung für ihre Eltern übernehmen. Die Stationen dahin werden vielen bekannt vorkommen: Schlaganfall, Krankenhaus, Reha, Folgeerkrankungen, erste Zeichen einer beginnenden Demenz und dann ein einschneidendes Gespräch mit einem behandelnden Arzt. Die besonderen Erlebnisse von Horst Thimm in seiner Kindheit und Jugend haben zu einem besonderen Verhalten als Erwachsener geführt, das er dann als Bewohner eines Seniorenheimes nicht mehr in dem gewohnten Umfang umsetzen kann. „Mein Vater hasst Abhängigkeiten.“, schreibt Katja Thimm mehr als einmal – aber wo ist man abhängiger als in einem Seniorenheim. Noch später wird sie über den Fortschritt der Erkrankungen, über verschiedene Pflegestufen und über noch „ungeliebtere“ aber „geeignetere“ Zimmer in dem Seniorenheim berichten. Aber bis es so weit ist, nutzen die beiden die Zeit und reisen nach Polen und nach Eberswalde. Nach Berlin war die Familie schon früher häufiger gereist – im Gegensatz zum Rheinland liebt Horst Thimm diese Stadt.
Nach der Lektüre des Buches habe ich mich gefragt, ob die Arbeit an diesem Buch den beiden geholfen hat, ihre lebenslange Distanz zu überwinden. Aber leider spürt man an ganz vielen Stellen nur die professionelle Betrachtungsweise der Journalistin und die schon fast ängstliche Zurückhaltung eines Menschen, der in seinem Leben immer wieder lernen musste, dass niemand sein uneingeschränktes Vertrauen verdient. Trotzdem ist dieses Buch ein Zeugnis dafür, wie wichtig das Gespräch zwischen Eltern und Kinder ist – egal wie jung die Eltern und wie alt die Kinder sind.
„Vatertage“ von Katja Thimm, erschienen im Fischer-Verlag, 18,95 €
Dirk Kurpat
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